Vermögensmanagement im Family Office: Professionelle Beratung zwischen Kapitalanlage, Recht und familiärer Verantwortung

Große Privatvermögen stellen besondere Anforderungen an Beratung und Steuerung. Sie sind häufig über Unternehmen, Immobilien, Wertpapierbestände oder Beteiligungsgesellschaften verteilt und zugleich mit Fragen der Nachfolge verbunden. Für Vermögensmanagerinnen und Vermögensmanager entsteht daraus eine Aufgabe, bei der finanzwirtschaftliche Entscheidungen nur dann überzeugen, wenn ihre rechtlichen Folgen und die Interessen der beteiligten Familie mitbedacht werden.

Von Prof. Dr. Maximilian A. Werkmüller, LL.M, Professur für Finance und Family Office Management, Allensbach Hochschule Konstanz

Die Vorstellung, Vermögensmanagement bestehe im Wesentlichen aus der Auswahl geeigneter Anlagen, greift bei großen Privatvermögen zu kurz. Schon die Bestandsaufnahme kann erheblich komplexer sein. Ein wesentlicher Teil des Vermögens einer Unternehmerfamilie kann im eigenen Unternehmen gebunden sein, während weitere Mittel in Immobilien, Wertpapieren oder Beteiligungen liegen. Hinzu kommen möglicherweise Stiftungen oder gesellschaftsrechtliche Konstruktionen, deren Zweck weit über eine aktuelle Anlageentscheidung hinausreicht. Wer ein solches Vermögen begleitet, muss deshalb zunächst verstehen, welche wirtschaftlichen Funktionen seine einzelnen Bestandteile erfüllen und welche Bindungen mit ihnen verbunden sind.

Im Family Office verdichten sich diese Anforderungen. Der Begriff bezeichnet ein Organisations- und Dienstleistungsumfeld, um die Angelegenheiten vermögender Familien zu koordinieren. Je nach Ausgestaltung kann ein Family Office Anlageentscheidungen vorbereiten, Berichte über das Gesamtvermögen erstellen, externe Berater koordinieren oder Nachfolgefragen begleiten. Auch die organisatorische Form unterscheidet sich. Manche Familien verfügen über eine eigene Struktur, andere greifen auf Dienstleister zurück, die mehrere Mandate betreuen.

Die eigentliche Schwierigkeit liegt deshalb selten in einem einzelnen Fachproblem. Anspruchsvoll wird die Arbeit dort, wo mehrere Entscheidungen voneinander abhängen. Eine Veränderung der Beteiligungsstruktur kann den künftigen Liquiditätsbedarf beeinflussen. Eine vorweggenommene Vermögensübertragung verändert möglicherweise die Verfügungsmöglichkeiten innerhalb der Familie. Wird ein Unternehmen auf die nächste Generation vorbereitet, sind die Interessen der Familie ebenso zu berücksichtigen wie die gesellschaftsrechtliche Ordnung und die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens. Der Vermögensmanager muss solche Wechselwirkungen erkennen, auch wenn anschließende spezialisierte Berater einzelne Rechts- oder Steuerfragen bearbeiten.

Kapitalanlage im Zusammenhang des Gesamtvermögens

Portfoliomanagement bleibt ein wesentlicher Bestandteil professioneller Vermögensbetreuung. Bei großen Vermögen genügt jedoch die isolierte Bewertung einzelner Anlageklassen kaum. Entscheidend ist zunächst, welche Funktion ein Vermögensbestandteil im Gesamtvermögen erfüllt. Das lässt sich an einem Unternehmerhaushalt verdeutlichen. Wenn ein erheblicher Anteil des Vermögens bereits im eigenen Unternehmen gebunden ist, besteht dort eine wirtschaftliche Konzentration, die bei weiteren Anlageentscheidungen berücksichtigt werden muss. Auch Immobilien können lange Kapital binden und lassen sich nicht jederzeit ohne Reibungsverluste veräußern. Liquidere Anlagen erfüllen deshalb unter Umständen eine andere Aufgabe als Beteiligungen, deren Wertentwicklung langfristig beurteilt wird.

Eine tragfähige Asset Allocation setzt voraus, dass solche Unterschiede erkannt werden. Risikobereitschaft lässt sich nicht allein über eine allgemeine Kategorie wie „konservativ“ oder „chancenorientiert“ erfassen. Sie hängt auch davon ab, welche Verpflichtungen bestehen, welche Ausschüttungen erwartet werden und welche Teile des Vermögens kurzfristig verfügbar sein müssen. Portfoliomanagement erhält damit eine andere Bedeutung als in einer gewöhnlichen Anlageberatung: Es muss das liquide Portfolio in die wirtschaftliche Struktur des Gesamtvermögens einordnen.

Auch Inflation oder der Einsatz von Fremdkapital lassen sich nur in diesem Zusammenhang vernünftig beurteilen. Leverage kann die Rendite einer Investition erhöhen, vergrößert aber zugleich die Abhängigkeit von Finanzierungskosten und Marktwerten. Inflation wirkt je nach Vermögensart unterschiedlich. Eine wissenschaftlich fundierte Beschäftigung mit Portfoliotheorie hilft deshalb vor allem dabei, solche Zusammenhänge nachvollziehbar zu analysieren und Anlageentscheidungen nicht auf einzelne Renditeerwartungen zu reduzieren.

Rechtliche Gestaltung verlangt Koordination

Bei Familienvermögen treten Rechtsfragen regelmäßig an Stellen auf, an denen Vermögenswerte langfristig gebunden oder übertragen werden. Erbrecht und Gesellschaftsrecht spielen deshalb eine wichtige Rolle. Auch Stiftungen können relevant werden, wenn eine Familie Vermögen dauerhaft einem bestimmten Zweck widmen oder unter festgelegten Bedingungen erhalten möchte. Vermögensmanagerinnen und Vermögensmanager übernehmen dabei keine Aufgaben, die Rechtsanwälten oder Steuerberatern vorbehalten sind. Sie müssen jedoch verstehen, welche Fragestellungen rechtliche Beratung erfordern und wie deren Ergebnisse das Gesamtvermögen beeinflussen. Diese Fähigkeit zur Koordination gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben des Family Office.

Gerade Nachfolgeprozesse zeigen, weshalb eine rein finanzwirtschaftliche Betrachtung nicht genügt. Die Übertragung eines Unternehmens betrifft Eigentum und Verfügungsmacht. Sie kann sich auf künftige Ausschüttungen auswirken und verändert möglicherweise die Stellung einzelner Familienmitglieder. Eine rechtlich zulässige Gestaltung ist deshalb noch keine hinreichende Antwort auf die Frage, ob eine Lösung zur Situation der Familie passt. Ähnliches gilt für Asset Protection oder gesellschaftsrechtliche Neuordnungen. Gestaltungsmöglichkeiten müssen stets daraufhin geprüft werden, welchem legitimen Zweck sie dienen und welche Folgewirkungen entstehen. Für die vermögensbezogene Beratung bedeutet das, dass sie rechtliche Ergebnisse verstehen und in den weiteren Entscheidungsprozess einordnen muss.

Family Governance als eigenständige Beratungsaufgabe

Besonders deutlich wird der Unterschied zur klassischen Finanzberatung bei der Family Governance. Familien, die über beträchtliches Vermögen oder ein gemeinsames Unternehmen verfügen, müssen Entscheidungen treffen, deren Folgen häufig mehrere Generationen betreffen. Dabei können Interessen auseinandergehen. Ein Familienmitglied möchte möglicherweise unternehmerisch tätig werden, während ein anderes vor allem an regelmäßigen Ausschüttungen interessiert ist. Die nächste Generation kann andere Vorstellungen vom Unternehmen entwickeln als diejenige, die es aufgebaut hat. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer Informationen erhält, wer an Entscheidungen beteiligt wird und welche Verantwortung aus Eigentum erwächst.

Solche Konflikte lassen sich nicht durch eine optimale Portfoliostruktur beseitigen. Sie verlangen Verfahren, mit denen unterschiedliche Interessen sichtbar und Entscheidungen nachvollziehbar werden. Familienverfassungen, Beiräte oder festgelegte Regeln für bestimmte Entscheidungen können dafür geeignete Instrumente sein. Ob sie funktionieren, hängt jedoch davon ab, wie sie in der jeweiligen Familie ausgestaltet werden.

Für Berater entsteht daraus eine anspruchsvolle Rolle. Sie müssen familiäre Beziehungen ernst nehmen, dürfen ihre professionelle Distanz aber nicht verlieren. Ein Trusted Advisor zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er Mandanteninteressen nicht mit persönlicher Nähe verwechselt. Seine Aufgabe besteht darin, Sachfragen präzise aufzubereiten, unterschiedliche Positionen zu erkennen und Entscheidungen fachlich vorzubereiten. Diese Dimension des Vermögensmanagements lässt sich schwer ausschließlich durch Berufserfahrung erwerben. Erfahrung hilft zweifellos, typische Situationen zu erkennen. Sie ersetzt jedoch keine begriffliche Grundlage, mit der sich Governance-Strukturen vergleichen oder Interessenkonflikte methodisch analysieren lassen.

Corporate Governance wird bei Unternehmensvermögen relevant

Viele große Familienvermögen sind eng mit Unternehmen verbunden. Damit rücken Fragen der Corporate Governance in den Blick. Eigentümerfamilien müssen klären, wie Geschäftsführung und Kontrolle organisiert werden, welche Informationen Gremien benötigen und wie Verantwortlichkeiten voneinander abgegrenzt werden. Auch Compliance ist in diesem Zusammenhang sachlich bedeutsam. Beteiligungsstrukturen oder Stiftungen unterliegen rechtlichen Vorgaben. Wer im Family Office koordinierend tätig ist, muss daher erkennen können, an welchen Stellen Compliance-Anforderungen entstehen und welche Fachleute einzubeziehen sind.

Die Verbindung von Family Governance und Corporate Governance ist besonders interessant, weil zwei unterschiedliche Ordnungen zusammentreffen. Eine Familie folgt persönlichen Beziehungen und einer gemeinsamen Geschichte. Ein Unternehmen benötigt dagegen Rollen, Zuständigkeiten und Entscheidungsverfahren, die unabhängig von persönlichen Bindungen funktionieren müssen. Sobald Familienmitglieder zugleich Eigentümer, Geschäftsführer oder Mitglieder eines Kontrollgremiums sind, können diese beiden Ordnungen miteinander kollidieren. Professionelles Family Office Management muss solche Überschneidungen erkennen. Dabei geht es nicht darum, familiäre Beziehungen nach den Regeln eines Unternehmens zu organisieren. Vielmehr muss geklärt werden, an welcher Stelle persönliche Interessen enden und institutionelle Verantwortung beginnt.

Warum akademische Weiterbildung in diesem Berufsfeld sinnvoll ist

Vermögensmanagement gehört zu jenen Tätigkeiten, in denen Erfahrung einen hohen Stellenwert hat. Viele Situationen lassen sich erst dann sicher beurteilen, wenn Berater ähnliche Konstellationen bereits kennengelernt haben. Gerade deshalb kann akademische Weiterbildung sinnvoll sein. Sie erlaubt es, Erfahrungen anhand fachlicher Modelle zu prüfen und voneinander zu unterscheiden. Das Hochschulzertifikat „Geprüfte:r Vermögensmanager:in Allensbach Hochschule“greift diesen Gedanken auf. Die berufsbegleitende Weiterbildung wird auf Masterniveau angeboten und in Kooperation mit dem Finanz Colloquium Heidelberg durchgeführt. Sie umfasst 45 ECTS und kann auf den M.Sc. Finance der Allensbach Hochschule angerechnet werden, sofern die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind.

Inhaltlich behandelt das Programm zunächst die Geschäftsmodelle und Dienstleistungen von Family Offices. Weitere Studieninhalte betreffen rechtliche und steuerliche Fragestellungen sowie Family Governance und die Tätigkeit als Trusted Advisor. Hinzu kommen Portfoliomanagement und Corporate Governance einschließlich Compliance. Diese Zusammensetzung entspricht dem Charakter des Tätigkeitsfeldes. Ein Family Office benötigt Personen, die finanzwirtschaftliche Sachverhalte beurteilen können und zugleich verstehen, wann rechtliche Gestaltung erforderlich wird. Wer Familien berät, muss außerdem erkennen, wie Eigentum, unternehmerische Verantwortung und familiäre Beziehungen miteinander verbunden sind.

Das Fernstudienformat trägt der beruflichen Situation der Zielgruppe Rechnung. Viele Interessierte arbeiten bereits in Banken oder Vermögensverwaltungen, in Family Offices oder beratenden Berufen. Das Studium verläuft vollständig online und ohne Präsenzpflicht. Als Leistungsnachweise sind zwei Online-Klausuren und drei Einsendearbeiten vorgesehen. Gerade die Prüfungsleistungen sind für eine akademische Weiterbildung relevant. Sie verlangen, dass Wissen nachvollziehbar angewendet wird, die bloße Teilnahme an Seminaren genügt dafür nicht: Wer eine rechtliche Konstellation beurteilt oder eine Vermögensstruktur analysiert, muss Annahmen offenlegen und zu einem begründeten Ergebnis gelangen.

Vermögensmanagement als professionelle Koordinationsleistung

Das Berufsbild des Vermögensmanagers entwickelt sich auch deshalb weiter, weil Familienvermögen komplexer organisiert werden können und Beratung zunehmend arbeitsteilig erfolgt. Gleichzeitig verändern digitale Berichtssysteme die Informationsverarbeitung im Family Office. Internationale Vermögensstrukturen erhöhen die Anforderungen zusätzlich, weil unterschiedliche Rechtsordnungen oder steuerliche Rahmenbedingungen berührt werden können. Und trotz dieser Veränderungen bleibt die Grundaufgabe erstaunlich konstant. Wer große Privatvermögen betreut, muss Einzelentscheidungen in einen größeren Zusammenhang stellen. Eine Anlage kann finanzwirtschaftlich attraktiv erscheinen und dennoch ungeeignet sein, wenn sie den Liquiditätsbedarf missachtet. Eine rechtlich mögliche Gestaltung kann Konflikte erzeugen, wenn ihre Folgen innerhalb der Familie nicht verstanden werden. Eine Governance-Regel kann formal sinnvoll sein und trotzdem scheitern, wenn sie an den tatsächlichen Rollen der Beteiligten vorbeigeht.

Professionelles Vermögensmanagement verlangt deshalb Urteilskraft. Sie entsteht aus Fachwissen und Erfahrung, muss aber immer wieder an konkreten Fällen überprüft werden. Eine akademische Qualifikation kann dafür einen geeigneten Rahmen bieten, weil sie unterschiedliche Fachgebiete systematisch miteinander verbindet und verlangt, Entscheidungen zu begründen. Gerade im Family Office liegt darin eine zentrale Voraussetzung guter Beratung. Große Vermögen lassen sich langfristig nur dann professionell begleiten, wenn finanzwirtschaftliche Entscheidungen in die rechtliche und familiäre Situation eingebettet werden. Wer diese Zusammenhänge versteht, verwaltet nicht lediglich einzelne Vermögenspositionen. Er oder sie kann dazu beitragen, dass eine Familie auch bei komplexen Entscheidungen handlungsfähig bleibt.